
Ein Interview mit Otto M. Schwarz
Ein Gespräch über Komposition, Filmmusik & das moderne Blasorchester
© Vic Schwarz
SDP: Otto M., wenn dich heute jemand fragt: Wer ist Otto M. Schwarz als Komponist und wofür steht seine Musik: was würdest du antworten?
Otto M. Schwarz: Otto M. Schwarz steht vor allem für Emotionen, die durch Musik transportiert werden. Für mich entsteht kein Werk ohne Bilder im Kopf. Diese Bilder sind der Ausgangspunkt meiner Musik und bestimmen ihre Atmosphäre, ihre Dramaturgie und letztlich auch die Emotionen, die ich beim Zuhörer auslösen möchte.
SDP: Du sprichst sofort von Bildern im Kopf. Das scheint bei dir tatsächlich der Anfang von sehr vielen Werken zu sein. Was ist zuerst da, die Geschichte, ein Bild oder eine musikalische Idee? Wie wird daraus schließlich ein Werk für Blasorchester?
Otto M. Schwarz: Bei diesen Werken ist tatsächlich meistens zuerst das Thema da. Nehmen wir zum Beispiel „Sisi – Kaiserin von Österreich“: Zunächst beschäftigt mich die Person oder die Geschichte, und irgendwann beginnt daraus in meinem Kopf eine ganz eigene Welt zu entstehen. Dann überlege ich, welche Aspekte mich besonders interessieren und was ich davon musikalisch erzählen möchte.
Bevor ich überhaupt richtig zu komponieren beginne, schreibe ich mir oft eine Art Drehbuch. Das kommt wahrscheinlich sehr stark aus meiner Arbeit mit Filmmusik. Ich versuche, die Geschichte vor meinem inneren Auge ablaufen zu lassen und sie dann Schritt für Schritt in Musik zu übersetzen. Dabei arbeite ich gerne mit Leitmotiven oder Melodien, die für bestimmte Personen, Situationen oder Gefühle stehen. So entwickelt sich nach und nach ein musikalischer Film, nur dass die Bilder am Ende im Kopf des Zuhörers entstehen.
SDP: Dieses „Drehbuch“, das du beschreibst, schlägt eigentlich schon die Brücke zu deiner zweiten musikalischen Welt: Du arbeitest seit Jahrzehnten als Filmkomponist. Wie beeinflusst das Schreiben für Film deine Musik für Concert Band?
Otto M. Schwarz: Für mich ist Musik eigentlich immer Kino im Kopf. Wahrscheinlich hat mich die jahrzehntelange Arbeit als Filmkomponist stärker geprägt, als mir manchmal selbst bewusst ist. Wenn ich schreibe, entstehen automatisch Bilder, Stimmungen, Farben und ganze Szenen vor meinem inneren Auge, auch dann, wenn gar kein konkreter Film dahintersteht.
Bei meinen moderneren, poporientierten Titeln funktioniert es etwas anders. Dort ist es oft der Groove, der mich antreibt. Obwohl ich selbst absolut kein Tänzer bin, muss mich ein Rhythmus innerlich bewegen. Synkopierungen, Grooves und Melodien entwickeln dann ihre eigene Energie und daraus entsteht wiederum meine ganz persönliche musikalische Welt.
SDP: Gleichzeitig beschränkt sich dieses Denken in Bildern bei dir nicht auf erfundene Geschichten. Immer wieder beschäftigst du dich mit realen Persönlichkeiten, historischen Ereignissen und Mythen. Nostradamus, Leonardo, Troja, Omens – Secret Symbols oder zuletzt Jeanne d’Arc sind dafür sehr unterschiedliche Beispiele. Warum ziehen dich gerade solche Geschichten an?
Otto M. Schwarz: Mich haben außergewöhnliche Lebensgeschichten schon immer fasziniert. Wenn ich mich mit einer historischen Persönlichkeit beschäftige, beginnt in meinem Kopf sehr schnell ein Film zu laufen. Biografien sind für mich im Grunde Lebensfilme mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese Geschichten tatsächlich passiert sind. Und genau das macht sie für mich oft viel ergreifender als jede künstlich erfundene Story.
Besonders faszinieren mich Persönlichkeiten, die ihrer Zeit voraus waren, Grenzen überschritten haben oder von ihrer Umgebung nicht verstanden wurden. Vielleicht sehe ich darin auch ein Stück weit Parallelen zu meinem eigenen Weg. Natürlich in einer völlig anderen Dimension, aber auch ich versuche seit vielen Jahren, bestehende Strukturen und Verkrustungen im Genre der Blasmusik aufzubrechen und musikalisch neue Wege zu gehen.
Dieser Kampf zwischen Vision, Widerstand und dem Mut, an der eigenen Idee festzuhalten, fasziniert mich und genau darin steckt unglaublich viel Stoff für Musik.
SDP: Dieses Aufbrechen bestehender Strukturen betrifft dann nicht nur die Geschichten, die du erzählst, sondern auch die Musik selbst. Was macht für dich ein wirklich gutes Werk für Blasorchester aus? Worauf achtest du beim Komponieren besonders, damit ein Werk nicht nur beim Publikum funktioniert, sondern auch für Dirigenten und Musiker interessant ist?
Otto M. Schwarz: Auch hier kommen für mich wieder die Emotionen ins Spiel. Ein gutes Werk muss etwas auslösen, es muss das Publikum mitnehmen und im besten Fall auch nach dem letzten Ton noch etwas hinterlassen. Dazu gehört für mich eine gute und abwechslungsreiche Instrumentation. Ich möchte nicht ständig nur im Tutti denken, sondern mit den vielen Farben und Möglichkeiten eines Blasorchesters spielen.
Eigentlich ist es wie im Leben: Es gibt laute und leise Momente, zerbrechliche und kraftvolle, manchmal zurückhaltende und dann wieder völlig überbordende. Genau diese Kontraste machen Musik für mich spannend und ich denke auch für das Publikum genauso wie für die Musiker und den Dirigenten.
Aber am Ende muss man auch sagen: Wenn es wirklich ein Rezept dafür gäbe, was ein gutes und erfolgreiches Werk ausmacht, würden wir Komponisten wahrscheinlich nur noch Hits schreiben. Und dieses Rezept gibt es zum Glück nicht.
SDP: Ein wesentlicher Teil davon scheint für dich die Instrumentation zu sein, also gerade nicht ständig das gesamte Orchester auszureizen, sondern bewusst mit seinen Farben zu arbeiten. Gleichzeitig sind die klanglichen Möglichkeiten eines modernen Blasorchesters heute enorm. Was hat sich in dieser Zeit verändert – bei den Orchestern, den Musikern und vielleicht auch bei dem, was das Publikum von moderner Blasorchestermusik erwartet?
Otto M. Schwarz: Die klangliche Bandbreite des Blasorchesters hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Allein wenn man sich das Instrumentarium ansieht: Im Holzregister reicht die Palette bei manchen Orchestern heute bis zum Kontrafagott oder zur Subkontrabassklarinette. Dazu kommen Klavier, Harfe oder Celesta und eine unglaubliche Vielfalt an Mallet- und Percussioninstrumenten. Klangfarben, die man früher fast ausschließlich mit einem Sinfonieorchester verbunden hat, gehören bei den besten Blasorchestern der Welt heute ganz selbstverständlich dazu.
Für uns Komponisten eröffnet das natürlich fantastische Möglichkeiten. Aber für mich bedeutet das nicht, dass man diese große Besetzung permanent bedienen muss, nur weil sie vorhanden ist. Im Gegenteil: Weniger ist oft mehr. Entscheidend ist, im richtigen Moment die richtige Klangfarbe einzusetzen. Ein einzelnes Instrument kann manchmal wesentlich mehr bewirken als ein komplettes Orchester. Genau diese Möglichkeiten machen das moderne Blasorchester für mich so spannend.
SDP: Diese Offenheit für neue Möglichkeiten zieht sich eigentlich durch vieles, was du beschreibst. 2020 hast du schließlich mit Symphonic Dimensions Publishing auch auf verlegerischer Ebene einen eigenen Weg eingeschlagen. Warum war dir ein eigener Musikverlag wichtig und wofür soll Symphonic Dimensions heute innerhalb der internationalen Blasorchesterwelt stehen?
Otto M. Schwarz: Bei großen Verlagen gibt es naturgemäß gewisse Grenzen. Viele Strukturen sind über Jahre gewachsen und entsprechend eingefahren, während ein kleinerer Verlag wesentlich wendiger sein und schneller auf neue Ideen reagieren kann. Genau diese Freiheit war für mich ein entscheidender Grund, Symphonic Dimensions Publishing zu gründen. Ich hatte in meinem Leben immer wieder Visionen und Ideen, bei denen mir gesagt wurde: „Das geht nicht“ oder „Das macht man so nicht“. Irgendwann wollte ich diese Ideen einfach umsetzen, ohne ständig zuerst erklären zu müssen, warum etwas vielleicht doch funktionieren könnte.
Symphonic Dimensions soll deshalb für mich vor allem für Qualität, Offenheit und den Mut stehen, neue Wege zu gehen. Das soll man auch nach außen spüren. Ein moderner Verlag braucht für mich nicht nur moderne Musik, sondern auch einen zeitgemäßen Auftritt: von einer unverwechselbaren grafischen Linie über professionelle Audio- und Video-Assets bis hin zu digitalen Ausgaben und unkomplizierten Downloads. Musik wird heute anders entdeckt, erlebt und gekauft als noch vor zwanzig Jahren, und ein Verlag muss sich mit dieser Entwicklung bewegen.
Wir möchten nicht einfach nur Noten veröffentlichen, sondern gemeinsam mit unseren Komponisten etwas entwickeln, hochwertige Produktionen ermöglichen und ihre Musik international sichtbar machen. Ein eigener Verlag gibt mir die Möglichkeit, viele jener Visionen umzusetzen, die ich über Jahre im Kopf hatte und genau das versuchen wir heute Schritt für Schritt zu tun.
SDP: Du beschreibst Symphonic Dimensions dabei bewusst nicht nur als Plattform für deine eigene Musik. Mittlerweile veröffentlicht der Verlag Werke zahlreicher internationaler Komponistinnen und Komponisten.Wonach suchst du bei neuen Werken und Komponisten & wann sagst du: Das passt zu Symphonic Dimensions?
Otto M. Schwarz: Ein Komponist oder eine Komponistin passt für mich zu Symphonic Dimensions, wenn ich spüre, dass da wirklich Potenzial vorhanden ist und vor allem, wenn keine musikalischen Scheuklappen existieren. Ich mag Menschen, die offen sind, sich weiterentwickeln wollen und bereit sind, auch einmal etwas auszuprobieren, das außerhalb ihrer bisherigen musikalischen Welt liegt.
Ideal ist für mich eine gewisse stilistische Bandbreite und Offenheit für Crossover. Besonders spannend finde ich Komponisten, die nicht nur für ein bestimmtes Niveau schreiben, sondern sich vorstellen können, vom Grade 0,5 bis hin zu Grade 6 zu arbeiten. Dazu gehört für mich genauso die Bereitschaft, gutes pädagogisches Material zu schreiben. Ein hervorragendes Werk für ein Jugendorchester zu komponieren, ist keineswegs weniger anspruchsvoll, manchmal sogar das Gegenteil.
Ein ganz entscheidender Punkt ist aber die Identifikation mit Symphonic Dimensions. Wer bei uns veröffentlicht, sollte zu hundert Prozent hinter dem Verlag und unserem gemeinsamen Weg stehen. Nur dann können wir gemeinsam eine Marke aufbauen, einen Komponisten langfristig positionieren und ihn auch entsprechend unterstützen. Für mich ist das keine reine Geschäftsbeziehung, sondern eine Partnerschaft, die von beiden Seiten gelebt werden muss.
SDP: Diese Offenheit setzt natürlich voraus, dass sich auch das Genre selbst weiterentwickelt. Gleichzeitig sprichst du von der Verantwortung gegenüber jungen Musikern und musikalischer Ausbildung. Wie wird sich die sinfonische Blasmusik deiner Meinung nach in den kommenden Jahren verändern und welche Rolle möchtest du selbst und mit Symphonic Dimensions dabei spielen?
Otto M. Schwarz: Für mich ist die entscheidende Frage fast weniger, wie sich die sinfonische Blasmusik verändern wird, sondern wie sich unsere musikalische Gesellschaft insgesamt entwickelt. Wird in Zukunft noch genügend Geld in musikalische Bildung und Musikunterricht investiert? In manchen Ländern wird Musik zunehmend als Privatvergnügen betrachtet und entsprechend weniger öffentlich gefördert. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung, denn ohne musikalische Ausbildung gibt es irgendwann auch keinen Nachwuchs mehr für unsere Orchester.
Auf der anderen Seite sehe ich unglaublich spannende Entwicklungen. Komponistinnen und Komponisten sind heute oft hervorragend ausgebildet, und immer mehr Musiker aus anderen Genres entdecken die sinfonische Blasmusik für sich. Ein wesentlicher Grund dafür ist sicherlich die enorme Live-Präsenz: Unsere Musik wird tatsächlich gespielt von Jugendorchestern bis hin zu den besten Ensembles der Welt. Dadurch treffen heute unterschiedlichste musikalische Welten aufeinander, und genau darin liegt für mich ein enormes kreatives Potenzial.
Mit Symphonic Dimensions möchte ich diese Entwicklung aktiv mitgestalten und nicht nur beobachten. Wir wollen offen für neue Stilrichtungen, neue Besetzungen, neue Formen der Präsentation und auch neue Wege der Vermittlung sein. Innovation bedeutet für mich aber nicht, jedem Trend hinterherzulaufen. Es bedeutet, neugierig zu bleiben und Dinge auszuprobieren, die vielleicht heute noch nicht selbstverständlich sind.
Denn eines bleibt unabhängig von allen Entwicklungen bestehen: Ohne Nachwuchs, ohne gute musikalische Ausbildung und ohne Menschen, die bereit sind, gemeinsam Musik zu machen, wird sich auch die beste Innovation nicht durchsetzen können.
SDP: Vielen Dank, Otto!
Otto M. Schwarz: Sehr gerne!
